Pressespiegel 1999 - Jazztage Görlitz

Pressespiegel 1999


... die Jazztage 1999 im Spiegel der Presse


Sächsische Zeitung vom 25.05.1999

Görlitzer Jazzfieber einmalig

Rund 10 000 Besucher waren bis Sonntag dabei, darunter viele junge Leute / 15 Bands jazzten auf dem Untermarkt / Petrus schickte auch diesmal Regen

Von Andre' Schulze 

Das Hauptproblem der Görlitzer Landskron Jazztage ist jedes Jahr aufs Neue das Wetter. Noch am Freitag hatten die Veranstalter einen guten Draht zu Petrus: Pünktlich zur Eröffnung durch die Tower Big Band schloß er seine Schleusen. Die wurden dann am Sonnabend gegen Abend wieder undicht. „Es hat vielleicht nur zwei, drei Stunden geregnet,” sagte Reinhard Schubert, Mitarbeiter des Kulturzuschlag e. V. und Mitorganisator des Festivals. „Aber wenn das genau die Zeit ist, wo die Leute losgehen wollen, nach draußen sehen und sagen: Ach nee, bei dem Regen nicht...” Etwas anderes, das bei den Besuchern wieder Anlaß zur Beschwerde gab, waren die Eintrittspreise. Noch bis zur letzten Band wurde an der Kasse der volle Tagessatz von zehn Mark verlangt. Bei vielen Besuchern stieß das auf wenig Gegenliebe. Dabei waren diese zehn Mark für einen ganzen Tag eigentlich keine Un-Summe wie auch die erhältliche Wochenendkarte für drei Tage und ganze 15 (!) Bands (18 Mark). Doch genug der Schwarzmalerei. Denn die, die dabei und drin waren im Getümmel und im Jazzfieber, bereuten es nicht. „Da kann es passieren, daß einer wutschnaubend im Organisationsbüro steht und uns wegen Gehörsturz verklagen will,” erzählte Reinhard Schubert. An den angenehmen und trockenen Nachmittagen, die viele noch zum Spazierengehen nutzten, war der Untermarkt eher bescheiden gefüllt. Was aber den auftretenden Gruppen nicht die Laune verdarb. Mancher der Besucher war der Meinung, daß die falschen Bands vor dem falschen Publikum spielten. Doch sofort kam der Konter: „Bei so vielen Gruppen kann das schon mal vorkommen. Diese Jazzstimmung gibt es aber nur in Görlitz. Das versöhnt.” Dafür stieg zu den späteren Abenden die Besucherzahl immer mehr. Highlights waren ohne Frage am Freitag die Schlagzeugerlegende Charhe Antolini und am Sonnabend Guitar Crusher. Die Hauptacts am Sonntag - lnga Rumpf & Rockship und die Hamburg Blues Band - tauschten kurzfristig ihre Plätze im Spielplan. Beide Gruppen, schon seit einiger Zeit gemeinsam auf Tour, brachten in Rekordzeit den Untermarkt zum Brodeln und auf ihre Seite. Sie spielten einen Rock, der mit Jazz kaum noch etwas zu tun hatte - vielleicht streckenweise noch mit Blues im weitesten Sinne. Aber Vielfalt hatten sich die Veranstalter ohnehin aufs Banner geschrieben. Das wurde auch von den Musikern gelobt. Und es tat der Stimmung nicht den geringsten Abbruch. 

lnga Rumpf heizte besonders ein 
Im Gegenteil, wenn die hochkarätigen Besetzungen der Bands ihre Hände virtuos über die Instrumente fliegen ließen, verfielen die anwesenden jungen Amateurmusiker teils in Ekstase und kamen aus dem Staunen nicht heraus. lnga Rumpf zum Beispiel mochte den älteren Fans vielleicht noch mit ihrer Band Atlantis bekannt sein; mit ihrer Jazzband war sie eine der wenigen der siebziger Jahre, die es bis in die Top-Ten der US-Charts geschafft hatte. Ihr Platz in der Chartliste der Jazztage wurde nur noch angefochten von Beat'n Blow, die schon am Sonntagnachmittag zusätzlich zu den wärmenden Sonnenstrahlen dem Publikum eingeheizt hatten. Am Abend mischten sie sich mit ihren Instrumenten unters Publikum, und dem letzten war klar: Das Motto des Abends war „Party!” Auch diesmal fiel auf: Viele junge Leute hörten und schauten zu. Die Jazztage von Görlitz sind nunmal einmalig. Hier können sich Leute treffen, die wegen der Musik in die Stadt kommen oder die, die nach langer Zeit wieder nach Hause kommen.


Sächsische Zeitung vom 21.05.1999

Als besäße er vier Hände und sechs Füße 
„Weltbester Jazzschlagzeuger” Antolini heute in Görlitz 

Von Silvia Stengel 

„Ich bin ja nicht mehr der Jüngste, aber am Schlagzeug schon”, sagt Charly Antolini. Heute Abend ist er auf dem Untermarkt in Görlitz zu erleben - bei den Jazztagen, die bis Sonntag andauern. 61 Jahre jung ist Antolini, ein Schweizer, der jetzt in München lebt. Mit Neun hat er angefangen zu „trommeln”. 1956 startete er seine Profi-Karriere als Schlagzeuger in Paris, spielte bei Benny Goodman in der Band und war mit Lionel Hampton auf Tournee. Angekündigt wird ein „einmaliges Schlagzeugfeuerwerk”. Wer ihn hört, könnte vermuten, er besäße vier Hände und sechs Füße. Die Fachzeitschrift „Drums & Percussion” hat ihn dreimal zum „weltbesten Jazzschlagzeuger des Jahres” gekürt. Doch Antolini wehrt ab: „Das ehrt mich zwar sehr. Aber für mich gibt es in der Musik keine Ranglistenordnung wie im Sport. Entweder man spielt gut oder nicht.” Allerdings muß er noch hinzufügen: „Viele spielen nicht gut.” Was Antolini nicht kann, ist singen. Das heißt: „Ich kann auch singen, aber da rennen die Leute weg.” Ein Grund mehr, mit seiner Band „Jazz Power” anzureisen - den „Super-Pianisten” David Gazarov aus Armenien, den kanadischen Bassisten Rocky Knauer und Charly Augschöll aus Innsbruck, der Tenor-und Alt-Saxophon, Klarinette und Flöte spielt. Der Stil wäre Swing bis Mainstream, wobei die Musiker auch in südamerikanische Gefilde vorstießen. International ist das ganze Jazzfest. 14 Bands, 110 Musiker aus 11 Ländern, treffen sich in Görlitz. Die meisten sind das erste Mal bei den Jazztagen zu Gast. Das ist ja eine der Besonderheiten dieses Festes: daß jedes Jahr neue Musiker eingeladen werden. Eine Ausnahme ist die „Tower Big-Band Görlitz”, die das heutige Programm eröffnet. Vor fünf Jahren gegründet, vereint sie 28 Mitwirkende, von denen die meisten Hobby-Musiker sind: Schüler und Studenten, Bauarbeiter und Zahnärzte. Ein bißchen Lokalpatriotismus ist schließlich auch vonnöten. Zumal die Band längst Erfolge wie den Auftritt im ZDF-Sonntagskonzert verbuchen kann.


Sächsische Zeitung vom 14.05.1999

Zur Eröffnung Benefizkonzert in der Peterskirche 

Illustre Tage auf dem Untermarkt 

Von Sebastian Beutler 

Zu Pfingsten swingt es wieder in der Neißestadt. Dafür sorgen die diesjährigen Landskron Jazztage, die vom 20. bis 23. Mai in Görlitz stattfinden. Wie in den Vorjahren sind die Veranstalter der Kulturzuschlag e. V. und der Fremdenverkehrsverein e. V. Zugleich ist die Landskron Brauerei Hauptsponsor der Musiktage, die sich vornehmlich auf dem Untermarkt abspielen. Über 100 Musiker treten in 15 Bands aus 11 Ländern auf. Die Veranstalter haben wieder viel Wert darauf gelegt, die gesamte Bandbreite von Jazz darzustellen. Andererseits haben sie aber auch Schwerpunkte gesetzt, die in diesem Jahr der Blechblas-Jazz darstellt. Erstmalig werden die Jazztage aber mit einem Benefizkonzert beginnen. In der Peterskirche musiziert bereits am Donnerstag, dem 20. Mai, das Münchner Blasquintett Harmonic Brass. Die fünf Musiker widmen sich der Blechbläserkammermusik, wobei sie auch die Grenzen zwischen klassischer und populärer Musik überschreiten. So musizieren sie beispielsweise Jazz- und Pop-Arrangements. Das 1991 gegründete Ensemble stellt die Einnahmen dieses Abends dem „Freundeskreis der Sonnenorgel” e. V. zur Verfügung, der sich um die Finanzierung der neuen Sonnenorgel in der Peterskirche kümmert. Es ist allerdings nicht ihre erste Initiative für die Görlitzer Sonnenorgel. Denn unlängst spielte Harmonic Brass zusammen mit dem Organisten Matthias Eisenberg an der Sonnenorgel eine CD ein. Ein Blues dieser CD spielen die Münchner Bläser gemeinsam mit Kirchenmusikdirektor Reinhard Seeliger jetzt auch beim Eröffnungskonzert der Jazztage. Ein weiterer Höhepunkt der illustren Tage wird der Auftritt von Charly Antonini sein. Der Schlagzeuger wurde dreimal von einer Fachzeitschrift zum „weltbesten Jazzschlagzeuger des Jahres” gewählt und spielte noch gemeinsam mit Benny Goodman und Lionel Hampton. Für Abwechslung in der Klangfarbe sorgen auch Carlo Jones und die „Surinam Troubadours”, die karbische und surinamische Musiktraditionen aufnehmen. Reggae und Funk bieten „Beat'n Blow”.


südost - juli 99

friedemann dreßler

Jazztage - die fantastischen Vierten 

Der letzte Bläserakkord hallt noch um die Hallenhäuser. Die am Griffbrett noch warme Gitarre liegt ausgestöpselt. Viel zu schnell haben sich die Ohren an die alltägliche Stille der Görlitzer Altstadt gewöhnt. Was bleibt von den östlichsten Jazztagen, den vierten? Musikalisch wird dieses junge Festival Jahr für Jahr anspruchsvoller. Von wegen keine Stars wie Jocelyn B. Smith anno 98. Wer bitte war der Teufelstrommler mit dem drolligen Switzerdütsch-Slang? Charlie Antolini - oh ja. Und der schwarze Sänger mit dem Jack-Daniels-Timbre, dessen dickberingte Hand wieder Erwarten keine Gitarre mehr schlägt? Sidney „Guitar Crusher” Selby - oh yeah, the blues is allright. Und der geniale Leadgitarrist neben Inga Rumpf? Alex Conti - wow! Doch bitteschön, was sind Stars, wenn nicht diese ganze Mannschaft?! Brass & Blues hießen die musikalischen Schwerpunkte der Veranstalter und es gab wirklich keine „Leichtgewichte” unter den engagierten Bands: der Waschbrettvirtouse Charles Prevost aus Amiens, der surinamische Tubaspieler, die Berliner Funk-Bläser „Beat'n Blow” umtanzt von Hunderten „mitten auf 'm Platz”... Ein besonderer Erfolg, klassisch brilliant und doch humorvoll dargebracht: „Harmonic Brass” in gefüllter Peterskirche. Was bleibt von den Jazztagen zwischen Donnerstag und Pfingstsonntag? Auch die Erkenntnis, daß Regen seinen Niederschlag in den Konzertkassen findet, jedoch keine Niedergeschlagenheit im Publikum auslöst. Tanzende und hüpfende Zuschauer haben's bewiesen. In Bühnennähe lag der Altersdurchschnitt oft unter 20. Der Untermarkt, ein jazzfreudiges Pflaster in zweckdienlicher Größe. Diese Erfahrung hat wiederum zwei Seiten. War die Werbung zu bierselig, um in Platznot zu geraten? Ist Pfingsten ein Termin, an dem der Output an Reiselustigen den Görlitzer Input an Touristen überwiegt? Oder schwächt die Konkurrenz der Überflieger am Stadtrand den Strom der Besucher? Daß Jazz begeistert, haben diese Tage einmal mehr vor Augen und Ohren geführt (übrigens im super Sound-Mix). Der Spagat zwischen den Genres („ALL that Jazz”) gelang überzeugender denn je. Quo vadis Jazztage? Im nächsten Jahr(tausend) sollten wir die 5. Jazztage erleben. Schon nestelt man beim Kulturzuschlag e. V. zwischen den frischen Demo- CDs. Mut zum probieren ist den Veranstaltern zu wünschen. Die Landskron Jazztage, sie sind uns Lieb geworden, wirklich teuer waren sie nie. Aber nun müssen wir dies alles mal nicht für uns behalten...