Pressespiegel 2003


... die Jazztage 2003 im Spiegel der Presse


Sächsische Zeitung vom 26.05.03

Eine Stimme wie ein Saxofon 
Fischmarkt Open-Air mit Sängerin Lyambiko als Höhepunkt 
Von Matthias Nicko 

Wo man auch hinblickt: Der Fischmarkt. ist mit Bier- und Bratwurstständen bestückt. Im Laufe des Freitagabends wird er sich auch mit Menschen füllen -weit über 500 werden es am Ende sein. Drei deutsche Combos haben sich für den Open -Air- Aufgalopp der 8. Görlitzer Jazztage angesagt. 
Den Anfang machen um 19.30 Uhr in kuschligster Hinterhofatmosphäre Ignaz Netzer und Thomas Scheytt aus Heilbronn. Und obwohl bis dahin nur die Tische vor der Bühne besetzt sind, fordern die Großmeister des traditionellen Jazz das Publikum auf, "die Sau rauszulassen". Doch nur eine junge Dame fühlt sich animiert, zu Mundharmonika, Klavier und rauchenden Joe-Cocker-Bässen mitzuklatschen. Sie tut das allerdings so ekstatisch, dass Netzer kurzzeitig das Spielen einstellt und seinem weiblichen Fan ein Klatsch-Solo zubilligt. Was folgt, ist ein auch an die älteren Zuhörer gerichtetes "One more time!" Stück für Stück tauen diese nun auf und wiegen ihre Köpfe im Takt der Musik. 
Als das Dunkel der Nacht den Fischmarkt eingeholt hat, ist dieser rappelvoll. Inzwischen hat auf der Bühne Sängerin Lyambiko aus Berlin losgelegt - vor weit über 500 Besuchern, darunter überraschend viele junge. Auf dem Hosenboden sitzend bevölkern einige von ihnen das Rondell vor der Musikschule. Auch unter den bunten Lichterketten zwischen den Bäumen lässt es sich zu Lyambiko, dem Höhepunkt de Abend ausgezeichnet mitwippen. Die Tochter eines tansanischen Vaters bringt das Publikum ein ums andere Mal zum Johlen. Der begnadete Görlitzer Posaunist Heiner Methfessel vergleicht sie sogar mit Cassandra Wilson, einer der fünf Jazz-Diven der Welt. Im langen, blauen Kleid schnurrt Lyambiko mal wie ein Kätzchen, um im nächsten Augenblick tief und kraftvoll Tina Turner Konkurrenz zu machen. "Eine Stimme wie ein Saxophon", schwärmt ein anderer Jazzfan. Der Auftritt der Sängerin und der Vollblutmusiker an ihrer Seite gleicht einer Messe: Während die Berlinerin ihre Bewegungen auf ein Minimum reduziert, nehmen sich auch Kontrabassist, Pianist und Schlagzeuger angenehm zurück. Dafür ernten sie im Minutentakt Beifall auf offener Szene. Als sich der einstündige Musikblock der Band dem Ende neigt, erinnert Lyambiko mit dem getragenen, afrikanischen Liebeslied "MaIaika" noch einmal an Miriam Makeba, die den Song seinerzeit berühmt machte. 
Halb elf sind schließlich CultXXL aus Erlangen an der Reihe -und das Jazztempo gewinnt an Fahrt. Um einen älteren Herren am Bass ~haben sich im wahrsten Sinne des Wortes vier junge Hüpfer gruppiert. Denn um rockige Zappeleinlagen kommen die Twens mit den bedruckten T-Shirts nicht umhin. Kein Wunder, lautet das Motto der Knaben aus dem Frankenland doch "Move to the Groove" Tanzen lässt es sich zu den Soli von Gitarre oder Keyboard in der Tat wunderbar: Görlitzer Studentinnen fassen sich an den Schultern und bewegen ihre Hüften im Rhythmus der Musik, während Ehepaare an den Tischen ihre Gläser schwenken. Der warmen Frühlingsnacht entgegen.


Sächsische Zeitung vom 26.05.03

Jazzklänge an der Neiße
THW baut Pontonbrücke auf
Mit guter Musik aus Wiesbaden und Turow wird der Mai mit viel Sonne doch noch zum Wonnemonat und zieht viele Gäste an die Neiße. 
Von Rene Tzschoppe 

Ohne Sonnenschirme wäre es fast nicht auszuhalten. Die Sonne brennt, und wer kein Plätzchen auf der Terrasse der Vierradenmühle gefunden hat, stellt sich davor unter die Bäume. "Wir waren heute fast die ersten, meint einer der Besucher. Sie haben erlebt, wie die Ukrainer auf der Neiße musizieren. Das Technische Hilfswerk (THW) hat für die Bläser die Technik aufgebaut, und der Rest der Band spielt oben auf der Terrasse. Inzwischen spielt auf der polnischen Seite vor der Dreiradenmühle die Big Band aus Turow. Die Gäste sind dort nicht so zahlreich. Die Stimmung an der Vierradermühle zum Breakfast ist ungebrochen, und die geballte Ladung an kraftvoller Musik kommt über die Neiße. Der Applaus kommt postwendend zurück. Was wäre denn, wenn das Wetter nicht so mitgespielt hätte, meint ein Gast und malt das Szenario aus: Alle säßen im Lokal, viele wären gar nicht erst gekommen, die Stimmung wäre auf Halbmast. Aber das schöne Wetter lockt hinaus. Dann gibt es Musik aus Wiesbaden. Die Terrasse ist niemals frei, und die Bedienung der Vierradenmühle ohne Rast. Der Höhepunkt ist nun eine Band aus der Ukraine. Diesmal sind alle Musiker auf der Terrasse. Der Aufbau der Pontonbrücke nur für den ersten Auftritt habe sich damit kaum gelohnt meint einer der THW-Mitarbeiter. Aber die Gäste stört es nicht, wo die Musiker spielen. Mit Hits wie Mackie Messer haben sie schnell ihr Publikum für sich begeistert. Als die zierliche aber stimmgewaltige Sängerin Isanna Ukhach den nächsten Titel ankündigt, hakt die Big Band auf der polnischen Seite dazwischen und spielt. Die Gäste haben ihren Spaß. Schnell entwickelt sich daraus einWechselspiel: Erst musiziert die eine Seite, dann wieder die andere. Und immer wieder kommen Gäste dazu.


Sächsische Zeitung vom 20.05.03

Barfuß klingt es nicht 
Zur Eröffnung der Görlitzer Jazztage verwandelten fünf Bands die Hefefabrik in unerhörte Orte 
Von Matthias Nicko 

Endlich im Trocknen! 
Trikolaus aus Berlin haben es vom durchnässten Keller in die im Parterre der Hefefabrik gelegene "Alkoholkolonne" geschafft. Nun könnte man meinen, dass sie dort schon wieder nicht auf dem Trockenen sitzen. Aber doch: Sie tun es. Stocknüchtern starten die Freunde des tanzbaren Funk ihren Soundcheck. Minuten vorher hatte es im Keller derart stark durch das undichte Holzdielendach geregnet, dass für die drei Jungs ans Musikmachen nicht zu denken war. Hier oben, direkt unter einem Gitterrost, heißt es nun "one, two, three, four" - und gleich werden die Trikoläuse auch den ersten ihrer zwei jeweils 45 Minuten langen Konzertblöcke anzählen. Aber nicht nur in Bezug auf das Wetter verlangen die am Sonntag eröffneten Görlitzer Jazztage Improvisation, wissen Reinhard Schubert und Friedemann Dreßler vom Veranstalter Kulturzuschlag e.V. Ebenso gelte dies für die Finanzierung des Programms. Immerhin treten in der stillgelegten Fabrik an der Bautzener Straße an diesem Nachmittag vier Bands und eine Künstlerin auf.

Tanz auf dem Xytophon und Alphorn in der Ebene 
Letztere ist Ania Losinger. Ihr Domizil befindet sich in der zweiten Etage der bislang unerhörten Industriebrache. Die Schweizerin betanzt ein Bodenxylophon. "Barfuß klingt es nicht", sagt sie, und verweist statt dessen auf die Holzabsätze ihrer schwarzen Schuhe, mit denen sie dem Instrument Töne entlockt. Aber auch mit einem Dutzend Stäbe bringt das Berner Bewegungstalent das Xylophon zum Schwingen. Stäbe, die die Musikerin zum Teil sogar überragen. Zeitversetzt sind im Eingangsbereich der Hefefabrik - neben einem überdimensionierten Maischekessel - Landsleute von Anja Losinger an der Reihe. Das By-Spiel Project beschallt mit einem bis auf den Boden reichenden Alphorn und dem Didgeridoo der australischen Ureinwohner den Raum. Die gewöhnungsbedürftigen dumpfen Töne animieren die etwa 150 Zuhörer zu Szenenapplaus. Draußen im "Teegarten", wo Sonne und Regen einander abwechseln, lässt es mancher ruhiger angehen und probiert von den in Rosmarin und Meersalz gebackenen Kartoffeln. Zurück in der Fabrik haben Zatora zu Tenorsaxophon und Klavier gegriffen. Vor unverputzten Wänden tauchen sie eines der Zwischengeschosse in einen Hort der Melancholie. Die elektronischen Beats, die das unablässig auf einen Monitor blickende Bandmitglied Bine Stietz dem Computer entlockt, verstärken die Stimmung. Dann und wann gewinnt die getragene Musik aber an Fahrt und das Publikum wippt ausgelassen mit. Das gilt auch für Karin Stichel, die soeben noch Ania Losingers "Asthetik des Körpers" bewundert hat. Ähnlich kunstvoll kommen die Fotos und Collagen daher, die Andreas, Daniela und Danny zwischen Rohren und Eisentreppen aufgehängt haben. Die selbst ernannten "Stadtkinder", Studenten aus Dresden, präsentieren Bilder von Neubauten und anderen "urbanen Stadtansichten".

Am Freitag geht es weiter auf dem Fischmarkt 
Derweil spielen die fünf Musikensembles - unter ihnen die Big Band Company aus Görlitz, die für Rhythm Combinätions & Sax um den Brasilianer Rogerio Leao in die Bresche gesprungen ist - bis in den Abend. Am Freitag finden die Jazztage ihre Fortsetzung. Unter anderem mit Lyambiko, einer von drei Gruppen, die ab 19.30 Uhr auf der Open-Air-Bühne am Fischmarkt s(w)ingen. Das handverlesene Quartett um seine weltweit gefeierte Front frau lässt die Blütezeit des Jazz, die 40er und 50er Jahre, auferstehen. Außerdem laden ab Mitternacht Clubkonzerte ins "Lucie Schulte" und die "Maus".