Pressespiegel 2005 - Jazztage Görlitz

Pressespiegel 2005


... die Jazztage 2005 im Spiegel der Presse


Sächsische Zeitung vom 30. Mai 2005

Jazztage. Das heiße Wetter zieht Besucherscharen zum Festival. Mehr Tumult schafft auch mehr kleine Geschichten am Rande.

von René Tzschoppe

Petrus mag guten Jazz, und so hat er zum Jubiläum mehr als sein Bestes gegeben. Aber zu einem tollem Jazzfest gehört auch Bier, und nachdem das Wetter bei den Jazztagen in den vergangenen beiden Jahren den Gästen Gänsehaut über den Rücken gejagt hat, war das Bräu diesmal als kühle Erfrischung willkommen. Doch die Hitze hat das Bier schnell warm werden lassen. Auf dem Fischmarkt abgestellt, macht sich auch die Sonne darüber her. Die Brauerei reagiert am nächsten Morgen prompt auf das Tropenklima. Pünktlich zur Sonnabendveranstaltung steht ein Fasskühler bereit. Fünf Fässer Bier gehen bis zum Abend über den Tresen. Die beiden Gastronomen freut es. Im Jahr 1997 waren sie noch zu etwa zehnt. Doch das miese Wetter der vergangenen Jahre hat die Zahl der Wirte eingefroren. Glück für die beiden tapferen Enthusiasten in diesem Jahr. Allerdings können sie mit ihrem Bier am Sonnabendabend einen älteren Herrn ganz und gar nicht abkühlen. Der verteilt Worte wie Giftpfeile und das wie verrückt. Er wolle gute Bands und Musik hören. Was im Hintergrund läuft, ist noch der Soundcheck. Aber das Blatt wendet sich zum Guten, als sich die ersten beiden Bands auf der Bühne ins Zeug legen. Der Mann ist wie ausgewechselt und begeistert. So sehr, dass er sich dem Veranstalter mitteilen muss. Er flitzt Friedemann Dreßler, dem Moderator, hinterher, um Lob zu preisen.

Geborgtes Mundstück und Zaungäste
Eine andere Sache findet der Moderator selbst ganz witzig. Auf einer anderen Veranstaltung fehlt einem angereisten Musiker das Mundstück für sein Blasinstrument. Der hört sich auf dem Festival herum, ob nicht ein Kollege ein Mundstück borgen könnte. Die Musiker des Jazzfestivals können aber nicht helfen, da sie ihre vollständigen Instrumente brauchen. Ein Posaunist aus dem Publikum stellt dem musischen Kollegen das vergessene Mundstück schließlich zur Verfügung.
Dass das Jazzfestival auch dem Lokal „Mystica" am Fischmarkt gut tut, ist nicht von der Hand zu weisen. Immer wieder finden sich dort Gäste ein, die der nahen Musik auch ohne Eintritt lauschen wollen. Draußen, in der Gasse, sind Tische aufgereiht, und von dort lässt sich durch den breiten Eingang zum Festival auch ein relativ guter Blick zum Geschehen erhaschen. Allerdings haben die Besucher des „Mystica” eine Baustelle unmittelbar im Nacken.
„Es ist wie im letzten Jahr. Es stehen zu viele Tische vor der Bühne’, findet Hagen Kreisel, einer der Besucher. Kein Platz zum Tanzen, sagt er. So sei es auch schon am Donnerstag gewesen. Unter dem bekannten Motto „UnerhörteOrte” spielen Jazzer in der Gewerbebrache Rauschwalder Straße auf. Dabei hätte ein wenig Bewegung auf den Stühlen gut getan. Denn am späteren Abend wird es dann doch leicht frisch. Dafür entschädigt die tolle Musik. Eins fällt bei den diesjährigen Jazztagen auf: Die Görlitzer müssen nach den Konzerten schnell nach Hause. „Sobald die letzte Band abtritt, strömt alles zum Ausgang. Dabei könnte man noch schön sitzen und plaudern", sagt Ulf Hüttig, ein Besucher. Doch er ist vielleicht nicht auf die letzte Straßenbahn oder den letzten Bus angewiesen. Denn, dass es auf dem Fischmarkt auch gut gekühltes Bier gibt, hat sich längst rumgesprochen.

Beefolk
Beefólk aus Graz begeistert mit fremdartigen Klängen aus Südamerika, China und
 Südosteuropa das Publikum am Freitagabend.


Sächsische Zeitung, 30. Mai 2005

Alchemik
Die Band "Alchemik"
reist aus Polen an.
Am Sonnabendabend
gehört ihr die Bühne.

AUF EIN WORT
Lichterbogen

von René Tzschoppe

Görlitz hat erneut um so mehr bewiesen, dass es keine Provinz ist. Musiker aus dem Ausland kommen genauso in die Stadt, wie Sportwütige. Und alle nehmen gute Erinnerungen mit nach Hause. So wird wieder einmal mehr der Ruf von Görlitz in der Welt verteilt. Und dass alles passiert durch die Initiative von vielen aktiven und geschäftstüchtigen Neißestädtern.

Ein bisschen auf die Schultern klopfen soll erlaubt sein. Mit der östlichsten Kulturhauptstadt-bewerberin von Deutschland ist nicht zu spaßen. Viele Görlitzer Ideen zünden ein Feuer, und das hat an diesem Wochenende gelodert. Bleibt nur zu hoffen, dass der Lichterbogen auch in Brüssel zu sehen war. Und eins muss klar sein: Unaufhörlich weitermachen und mögliche Flauten nicht scheuen!


Sächsische Zeitung vom 30. Mai 2005

Vom anderen Stern in Görlitz
Jazztage. Zwischen ganz strengen und ganz freien Tönen erlebt ein Neu-Görlitzer zum ersten Mal das Jazzfestival.

von Ines Eifler

„Görlitz in solchen Momenten! Das ist nicht wiederholbar!" Musik liegt in der Luft, Hunderte Menschen sitzen in Sandalen oder barfuß auf Bierbänken über den gesamten Fischmarkt verteilt, um das erste Open-Air-Konzert der Görlitzer Jazztage zu erleben. Die Hitze des Tages glüht noch in den Pflastersteinen, als Swing, Latino, traditioneller Jazz, Soul, Funk und Balkan-folk den baumbestandenen Platz erbeben lassen.

Guter Platz unter der Linde
Christoph Bayer hat es sich im Rondell unter der alten Linde vor der Musikschule bequem gemacht, deren Eingang heute von der großen Jazz-Bühne verdeckt wird. Es ist das erste dieser Görlitz Festivals, das der vor einem Jahr zugezogene 38-jährige Architekt besucht. „Schön, dass es heute nicht so streng zugeht", sagt er an diesem Freitagabend.
Denn einen Tag zuvor, als Kulturzuschlag e. V. nach einer Grusellesung die Prager Band "Elena und Jocosejazz" am "Unerhörten Ort", im kühlen Keller einer Rauschwalder Industriebrache, auftreten ließ, war es Bayer nicht genug Lounge-Atmosphäre: "Zu Edgar Allan Poe hat der Raum gut gepasst, aber danach - viel zu konzertant, man hätte lieber die Stühle raus räumen und die Leute tanzen lassen sollen."
Er hat selbst eine ehemalige kleine Dampfschleiferei in der Leipziger Straße gekauft, ein ruinöses Haus, in dem der Architekt lebt und das er eigenhändig saniert. Weil er noch nach alternativen Ideen für die Nutzung des Gebäudes sucht, sagt er kurzerhand: „Wer weiß, vielleicht wird ja mein Haus der 'Unerhörte Ort' der Jazztage 2006!"

Lange Nacht mit vielen Bands
Als die junge Grazer Band „Beefólk" mit ihrem explosiven Sound aus mazedonischem und irischem Folk, Jazz, argentinischen, chinesischen und isländischen Einflüssen die meisten Zuhörer regelrecht mitgerissen hat, beginnt der englische Saxofonist Frank Mead, der "Top-act" des Freitags, zu spielen - laut und heftig, aber durchaus gleichförmig.
„Hm, man sieht, die Bands aus der zweiten Reihe sind oft die besseren, solche, die noch keiner kennt", sagt Christoph Bayer, zumal Frank Mead oft und lange von der Bühne geht und Drummer und Bassist allein vor sich hin spielen lässt. Erst als es auf Mitternacht zugeht, blüht der Brite auf, so dass Bayer sich revidiert und sagt: „Ich nehme es zurück, die dritte Band gefällt mit doch noch besser als Beefólk." Mit dem zweiten Freiluftkonzert nimmt eine lange Nacht für den Architekten ihren Lauf. Die Latinogruppe „Pandero" mit ihrem temperamentvollen Pianisten und Sounds, die nach der Sonne der Karibik duften, verpasst er zwar, die Band „Alchemik" aus Polen ist ihm zu traditionell-jazzig, „nicht experimentell, nicht free genug". Doch der Höhepunkt dieses Abends lohnt schon allein, um sich wieder unter dem alten Laubbaum auf dem Fischmarkt niederzulassen. Mit Zigarette zwischen den Fingern, einem Bier vor sich und großen Augen sagt Bayer beim grandiosen Auftritt der gewaltigen schwarzen Blues-Soul-Jazz-Sängerin Brenda Boykin im weiten afrikanischen Kleid: „Ganz fremd kommt es mir immer vor, wenn solche Leute spielen, wie von einem anderen Stern, von irgendwo aus dem Weltall." Hier stimmt jeder Ton und jedes Zusammenspiel der voluminösen Kalifornierin mit dem Ulrich-Rasch-Quartett, „supergut von Anfang bis Ende", sagt der Architekt begeistert und vergleicht die dunkle Sängerin mit Nina Simone, die er als Student bei einem ihrer letzten Konzerte in Weimar erlebt hat.

Session in der Vierradenmühle
Weil es „schön ist, dass man nach solchen Konzerten noch irgendwohin gehen kann", endet für Christoph Bayer die Jazznacht erst in der Vierradenmühle, wo etliche Musiker des Abends im Wechsel miteinander zur langen Jam-Session spielen, bis der Himmel sich schon von blau zu rosa färbt.

Brenda Boykin
Brenda Boykin gewinnt im Nu die Sympathie des Publikums.


Sächsische Zeitung vom 28. Mai 2005

Zu einer Lesung der besonderen Art luden die Jazztage in Görlitz ins frühere NVA-Lager ein.

von Ines Eifler

Knarrende Türen, Foltergeräusche, wiehernde Hengste, Kerkerluft, Leidenschaft und Wahnsinn. Klassische Gruselliteratur, klopfende Herzen, Angst und Gänsehaut an einem Ort des Grauens bei Schummerlicht. Zwischen behäbigen kühlen Säulen, unter niedrigen Gewölben eines ausgedienten Industriekellers erlebten 130 Besucher der zehnten Görlitzer Jazztage in der Donnerstagnacht eine Lesung der besonderen Art mit der Leipziger Gruppe „Radebass".

Auch wenn ihr Frösteln nicht nur von den spannenden Erzählungen Poes, Maupassants und Villiers de l'Isle Adams herrührte - denn das frühere Lager der NVA ließ die sommerlichen Temperaturen nicht zwischen seine dicken Wände. Erst der heiße Jazz von Elena und Jocosejazz aus Prag zu später Stunde ließ bei mal rauchiger, mal klarer Stimme, bei fast geflüsterten Melodien oder dem in die Welt geschrieenen „Feel free" blaue Lippen und zitternde Glieder vergessen.

Ungewöhnlicher Raum
Bei Songs über Cocktails, die man selbstzerstörend in jeder Mitternacht trinkt, auch wenn man ihrer längst überdrüssig ist, und über Männer, auf die man endlos wartet und sie trotzdem liebt.
Es war nicht das erste Mal, dass Kulturzuschlag einen ungewöhnlichen Raum für seine Konzerte suchte. Die Idee, Orte zu beleben, die sonst nie erklingen, begleitet die Jazztage schon seit vielen Jahren. Einmal zogen Musiker von einem Altstadthaus zum nächsten, einen Strom von Menschen hinter sich, 2003 erwachte die alte Hefefabrik in der Bautzener Straße mit Jazz zum Leben. In einem anderen Jahr spielte eine deutsche Band in der Vierradenmühle, ihr polnischer Gegenpart in der Mühle am andern Ufer, dazwischen, auf einem Neißeponton, erklang Ukrainisches.
Vor zwei Tagen war es nun der Keller unter der riesigen Backsteinanlage in der Rauschwalder Straße 41, den die Veranstalter für sich gefunden hatten. Als "eines der neuesten Off-Theater", als "wahren Jazz-Club" pries Friedemann Dreßler ihn mit Witz an, doch er hofft, der "Unerhörte Ort" der Jazztage werde sich in den kommenden Jahren weiter in Richtung Altstadt verschieben.
An der etwas abseitigen Lage störte sich aber keiner der Gäste, im Gegenteil, als ein bisschen Zeit vergangen war, strömte auch hinzu, wer sich vorher in die Kulturhauptstadt-Diskussion mit Tiefensee und Güttier eingebracht hatte. Ein Zeichen, dass Görlitz genügend Publikum hat, auch wenn sich die großen Kulturtermine überschneiden.

Berliner Bühne hält nicht mit
Als die Gruselkünstler längst selbst bei Bier und Kesselgulasch angekommen waren, raunte ihr Kontrabassist noch einmal, in einem solch „genialen Raum" hätten sie noch nie gespielt, da könnten weder der Grüne Salon der Berliner Volksbühne noch das kleine Leipziger Theater mithalten, in dem sie ihre nächste Lesung veranstalten.
Und die Prager Jazzerin schloss ihrem augenzwinkernden „Are you frozen, want you really to go home?" nicht nur mehrere Zugaben an, mit ihrem begeisterten „Görlitz is magic" und geheimnis-vollen Blicken in die Reihen wurde sie dem Ort noch einmal mehr gerecht.

Heute Abend wird auf dem Fischmarkt nach Latino-Sounds und polnischem Jazz die volltönende schwarze Stimme der Amerikanerin Brenda Boykin zu hören sein, bevor in der Vierradenmühle gegen halb eins in der Nacht die große Jam-Session „Swingin' Bridge" beginnt - Jazz ohne Grenzen.

Radebass
"Radebass" präsentierten am Donnerstagabend Edgar Allen Poe: Claudius Bruns,
Martin Siebach und als Sprecher Henrik Wöhlers (v.l.n.r.). Foto: SZ/Thomas Fiedler


Sächsische Zeitung vom 25. Mai 2005

Unterwegs mit Jagger und Clapton

Die SZ sprach mit Frank Mead über seine Musik und den Auftritt in Görlitz

Wie würden Sie das Besondere an Ihrer Musik beschreiben?
Ich spiele Jazz, dem allerdings viel Rhythm and Blues beigemischt ist. Es geht hier um Groove, zu dem man sich bewegen kann. Um Musik, die stark von Funk- und Soul-Größen wie James Brown beeinflusst ist, sowie von Fusion- und Jazz-Funk-Bands wie den Crusaders. Viele Mainstream-Jazz-Elemente sind enthalten, aber eben auch Funk, der zum Tanzen anregt.

Sie stammen aus London und leben auch da. Warum spielen Sie als britischer Saxofonist mit deutschen Musikern?
Den Musikern bin ich während meiner Deutschland-Auftritte begegnet. Zunächst dem Bassisten Peter Muller, der heute mein Produzent und auf der Bühne sozusagen meine rechte Hand ist. Er war auch in der Lage, weitere brillante Musiker an Land zu ziehen.

Sie sollen eine besondere Karriere als Musiker hinter sich haben?
Mit zwölf begann ich, die Harmonika zu spielen, erst in den 70er-Jahren wechselte ich zum Saxofon. Den größten Teil meiner Karriere verbrachte ich als Bandmitglied vieler Größen des Rock- und Blues, bevor ich mein Album „Shout It Out" aufnahm. Ich toure viel mit Bill Wyman And The Rhythm Kings. Im Juni werde ich wieder mit Eric Clapton spielen, mit dem ich seit Jahren kooperiere. Mit Mick Jagger, Mick Fleetwood, Ron Wood, Mark Knopfler, George Harrison und unzähligen anderen Künstlern bin ich sehr viel aufgetreten.

Gab es da ganz besonders wichtige Konzerterlebnisse?
Inm einem Leben habe ich etwa 6000 bis 7000 Konzerte gegeben. Zu den Highlights gehören Gigs mit Michael McDonald und Gary Brooker von Procol Harum, der den Hit „A Whiter Shade Of Pale" schrieb. Dieses Stück werde ich übrigens am Freitag interpretieren. Eine weitere, tolle Erfahrung war ein Konzert mit Gary Brooker, Eric Clapton, Mike Rutherford und David Gilmore. Phil Collins spielte damals Schlagzeug. Es ist einfach wunderbar, mit solchen Leuten auf der Bühne zu stehen.

Was erwarten Sie von den Görlitzer Jazztagen?
Görlitz kenne ich noch nicht, bin aber gespannt auf Ihre Stadt. Was ich erwarte? Leute, die Spaß an dem Festival haben. Außerdem gehöre ich zu den Musikern, die sich freuen, wenn das Publikum tanzt. Dies ist mir lieber, als wenn die Leute herumsitzen und sozusagen studieren, was ich spiele.

Was werden Sie am Freitag zu Gehör bringen?
Wir werden meine Kompositionen von der CD „Shout It Out" spielen, das heißt eine Menge Funk-Grooves. Hinzu kommen interessante Interpretationen großer Kompositionen von den Brecker Brothers, von Prince und Procol Harum.

Gespräch: Ines Eifler